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Meine sehr verehrten Damen, Herren und Kinder.

Im Interesse aller Medien bitte ich Sie darum am morgigen Sonntag, dem 28. März, zahlreich den Hamburger Dom zu besuchen. Es handelt sich um eine unerlässliche Bürgerpflicht der, von den Medien erwarteten und in (Kooperation mit der Hamburger Polizei) mühselig aufgeheizten Stimmung gerecht zu werden. Um die 4. Gewalt im Staate vor dem „Tot durch Auflagenverlust“ zu retten ist es unerlässlich den zahlreich anwesenden Bildjournalisten als möglichst spektakuläre Fotomotive zu Verfügung zu stehen. Besitzer leicht umzukippender Fahrzeuge (Smart, A-Klasse), sowie von Luxuskarossen werden darum gebeten ihr Fahrzeug nach Möglichkeit in Domnähe abzustellen, so dass sie von den anwesenden Motiv-Profis leicht zu brennenden Schnappschussgelegenheiten umgewandelt werden können. Sollten sie die Absicht haben sich zu vermummen, wird darum gebeten, das Posen mit Stein in dieser ggf. ungewohnten Kluft vorab zu Hause vor dem Spiegel zu üben.

Und noch Einmal: Bitte kommen sie zahlreich und schonen sie auch nicht ihre Kinder. Auch zivile Opfer sind unerlässlich! Nicht auszumalen, wie enttäuscht alle Fotographen und Kamerateams sein werden, sollten sich (wieder Erwarten) alle Anwesenden vernünftig verhalten.

Ernst gemeinter Nachtrag:

In diversen Blogs und Foren musste konnte man im Vorfeld des Spiels FC St. Pauli gegen Hansa Rostock teils Interessante, teils Verwirrendes lesen. Es begannen vielerorts gute (und wichtige) Diskussionen rund um das Thema Fanrechte. Anlass war die Tatsache, dass den Rostocker Gästefans statt der üblichen rund 2000 Karten aus Sicherheitsgründen nach Maßgabe der Polizei nur 500 Karten zu Verfügung gestellt werden durften. Grund hierfür waren wiederum die Ausschreitungen, die es während und nach dem letzten Heimspiels gegen Rostock gab. Und egal wie viele Artikel und Kommentare ich zu diesem Thema durchstöbert habe, um einen Aspekt wurde fleißig ein Bogen geschlagen.

Ich muss etwas ausholen: Als ich in meiner Jugend begann die ersten St. Pauli Spiele zu besuchen war die Atmosphäre, die im Stadion herrschte, prägend. Auch wenn mir meine Eltern sowieso Dinge wie Anstand und soziales Verhalten mit auf den Weg gegeben haben – im Stadion erlebte ich Zivilcourage. Gelebt, nicht nur als Theorie. In Massen und in der Masse. Wenn jemand z.B. einen blöden Spruch abließ oder einen Bierbechern warf wurde er sofort, nicht von Einem, sondern von Vielen zurecht gewiesen. Auf diese Mentalität der kollektiven Vernunft war und bin ich stolz. (Es gibt sie natürlich auch immer noch – sonst würde es solche Diskussionen wie die oben verlinkten gar nicht geben.)

Ich habe aber den Eindruck, dass sich mit dem Gefühl „die Fans von St. Pauli sind per se Gewaltfreie“ und „dem Diskutieren über Grundsätzliches“ übersehen wird, nämlich, dass es mittlerweile Personen im Umfeld vom FC St. Pauli gibt, die den Fußballverein / das Umfeld / die Lebensart nutzen um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Das Verhalten der Polizei ist letztendlich nur eine Reaktion auf die Vorkommnisse beim letzten Heimspiel gegen Rostock. Natürlich verhielt sich die Polizei in den letzten Jahren in und um den Stadtteil nicht gerade deeskalierend und natürlich ist es wichtig Rauchbomben schmeißenden Rostock-Hools zu zeigen, dass sie nicht erwünscht sind. Aber bestimmt nicht dadurch, dass man sich auf ihr Niveau begibt, sie mit Steinen beschmeißt und anschließend den Krawall in die Schanze trägt.

Man könnte sagen „Das sind halt frustrierte Vorstadtkids (die ja von der Polizei provoziert werden) – damit hab ich nichts zu tun“ oder „Das sind ja nur ein paar – ich und die meisten anderen St. Pauli Fans sind ja Gewaltfrei“. Doch dadurch macht man es sich zu einfach. Meiner Meinung nach liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen Gewaltfreiheit und Zivilcourage zu demonstrieren. Ein wahrlich schweres Unterfangen, ich weiß. Ist ein lauter Hool doch immer auffälliger als 20 „stumme“ Fans. Wenn sich allerdings alle friedfertigen Fans an die eigene Nase fassten und gemeinsam gegen die Wenigen vorgingen, ist es durchaus möglich und wäre durchaus ein Zeichen.

Denn man darf nicht vergessen: Letztendlich fällt in der Öffentlichkeit (vom Opa aus Barmbek bis zum hoffentlich nächstes Jahr anreisenden Bayernfan) dieser Ruf auf alle St. Pauli Fans zurück.

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