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Bahnangestellte aus Billiglohnländern?

Ich fahre ja in letzter Zeit häufiger Bahn. Das Ganze ist praktisch: Man kommt relativ schnell von A nach B, ist nett zur Umwelt, muss nicht allzu viel bezahlen, kann lesen oder hat Zeit sich Gedanken über sich und die Menschen um einen herum zu machen. Ob die Damen, die das halbe Abteil in Beschlag genommen haben (und sich herrlich schämen, weil der Piccolo beim öffnen spritze – ob er in der Tasche wohl geschüttelt wurde?) sich vom Karneval oder aus dem Kegelklub kennen, interessiert mich in letzter Zeit allerdings weniger. Mein neuestes Hobbys im Abteil ist ein Anderes.

Hierzu muss ich alledings etwas ausholen: Die Schaffner der deutschen Bundesbahn pflegen, als Angestellte eines internationalen Logistikunternehmens, ihre Durchsagen in Anbetracht der bevorstehenden Einfahrt in den nächsten Bahnhof, zweisprachig abzuhalten. Hierbei handelt es sich um, für manch Reisenden, wichtige Informationen; z.B. ob der Anschlusszug, trotz Verspätung, noch erreicht werden kann oder auf welcher Seite man aussteigen sollte. Damit diese wichtigen Informationen korrekt und für Jedermann verständlich sind, scheinen sie mir im Vornherein aufgeschrieben zu werden. Das ist auch gut so, allerdings birgt es eine gewisse Gefahr, wenn man dem flüssigen Rezitieren im Allgemeinen nicht umbedingt zugetan ist. Was im Deutschen noch einigermassen gut klappt, endet im Englischen häufig in einer Katastrophe. Ich möchte nicht behaupten, mir hätte sich diese fremde Sprache in all Ihrer Fülle erschlossen, würde auch nie von mir behaupten, ich spräche Akzentfrei. Um ehrlich zu sein verbinde ich den Englischunterricht haupsächlich mit Kreutzworträtseln aus der MOPO. Und auch der Versuch weitere Sprachen zu erlernen endete eigentlich immer im Desaster.

Trotz Allem aber weiss ich, dass das „Thank“ von „Thank you“ phonetisch rein gar nichts mit dem deutschen Verb „senken“ zu tun hat. Ich weiss, dass der Anfang von „traveling“ nicht so klingen sollte wie der Anfang von Tränen oder Träge (auch wenn es Bahnreisende, zu denen ich mich nicht zähle, gibt, die behaupten die Worte klängen schon bei ihnen an, wenn sie an die Bahn dächten). Und ich weiss, dass es am Ende des folgenden „with“ ähnlich wie beim ersten „TH“ gelagert ist. Für das darauf folgende „Deutsche Bahn“ können die fleissigen Angstellten natürlich nichts – es steigert den ganzen Satz trotz allem ins noch Dämlichere. Die sieben Worte „Thank you for traveling with Deutsche Bahn“ höre ich zur Zeit ca. 10 mal pro Woche. Mir ist bisher noch keine einzige dialekt, geschweige denn aktzentfreie Aussprache untergekommen.

Womit wir zurück zu meiner derzeitigen Beschäftigung kommen: Ich versuche zu Verstehen, warum es nicht möglich ist, diesen exemplarischen Satz so auszusprechen, dass sich mein, an Germisch eigentlich von Natur aus gewöhntes Ohr daran nicht stört. Eine These hierzu findet sich schon in der Überschrift dieses Artikels wieder: Bei der Bahn sind ausschließlich (von den Lohnkosten her billigere) Ostdeutsche beschäftigt – im Osten wurde in der Schule hauptsächlich Russisch gelehrt, deswegen kann und muss man auch nicht perfekt Englisch sprechen und im Alter lernt man es eh nicht mehr. Aber irgendwie will ich daran nicht glauben. Das ist sowohl unlogisch, als auch zu einfach. Unlogisch deshalb, weil nicht alle 240.000 Bahnangestellten aus dem Osten sein können; zu einfach, weil ich nicht so blöd bin zu glauben, dass jeder Ostdeutsche des Englischen nicht mächtig sei.

Wo liegt dann die Ursache für die Abgründe der schaffnerschen Sprachverwirrung? Ich weiss es nicht, frage mich allerdings ob man daran nicht etwas ändern könnte. Eine Alternative wäre einfach aufs Englische zu verzichten, woran ich mich, wäre in ein dem Deutschen nicht mächtiger Bahnreisender, allerdings stören würde. Eine Andere wäre die Schaffner zu schulen, ihnen zumindest die eh vorgeschriebenen Texte in Lautschrift in die Hand zu drücken oder das ganze von einer sympathischen Konservenstimme sprechen zu lassen. Ob bei denjenigen, die dies zu veranlassen hätten allerdings die Motivation und vor allem das Verständnis vorhanden sind dies zu tun, frage ich mich nicht mehr. Seit der automatischen Ansage in der S1 „Next stop Altona – this train terminates here“ sorge ich mich nur noch darum, ob ich es rechtzeitig aus dem Zug schaffe, bevor er dich selbst zerstört.

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1 Response to “Bahnangestellte aus Billiglohnländern?”


  1. 1 johnny
    12. Januar 2011 um 21:23

    tja, gb rennt da natürlich schon lange vorne weg und die bbc setzt längst voll auf akzente usw. schon mal nen richtigen iren oder schotten gehört? die klingen auch in der offiziellen variante eher extrem. ich denke, da geht so ein drolliger deutscher akzent voll ok. wobei natürlich indische usw. viel netter anzuhören sind, für mich jedenfalls. und die züge, tja, die terminaten halt, in gottes namen, ganz offiziell auch in der londoner ubahn, gefährlich klar, aber so ists nun mal. das leben, die sprachen, furchtbar kompliziert das alles…


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